Hörig
(Senilità)
Italien, Frankreich 1962 | ca. 111 Min. | deutsche Fassung | 35mm [1.66:1]
Regie: Mauro Bolognini
Musik: Piero Piccioni
Kamera: Armando Nannuzzi
Drehbuch: Italo Svevo, Goffredo Parise, Tullio Pinelli, Mauro Bolognini
Darsteller: Claudia Cardinale, Anthony Franciosa, Betsy Blair, Philippe Leroy, Aldo Bufi Landi
Der Junggeselle Emilio, Spross einer ehemals glanzvollen Triester Großbürgerfamilie, wohnt zusammen mit seiner ebenfalls unverheirateten Schwester Amalia. Das ruhige Leben des schüchternen Angestellten gerät aus den Fugen, als er sich in die schöne Arbeitertochter Angiolina verliebt. Da Emilios Werben nie die Grenze unverbindlicher Schwärmerei überschreitet, verlobt sich Angiolina bald mit einem reichen Händler. Emilio fühlt sich vor den Kopf gestoßen und beobachtet, dass hinter der ätherischen Aura seiner Angebeteten nicht die blütenreine Unschuld liegt, die er sich eingebildet hatte. Gleichzeitig treten hinter seiner Schüchternheit immer mehr aggressives Besitzgebaren und wahnhafter Kontrollwahn zutage.
Am 23. September 2025 verstarb eine der letzten noch lebenden weiblichen Ikonen des italienischen Kinos, Claudia Cardinale. Ihren Durchbruch schaffte sie 1960 an der Seite von Marcello Mastroianni in Bel Antonio unter der Regie von Mauro Bolognini, mit dem sie noch drei weitere Langfilme und eine Omnibus-Episode drehte. Das Melodrama Hörig von 1962 ist weniger bekannt als der Bolognini-Cardinale-Film Bel Antonio, aber sehr wohl eine Wiederentdeckung wert und knüpft thematisch an den berühmteren Vorgängerfilm an: es geht um fragile, verunsicherte Männlichkeit in einer Gesellschaft, die von patriarchalem Macho-Denken und finanziellen Eigeninteressen und Zwängen geprägt ist. Wo der „schöne Antonio“ in Konfrontation mit diesen gesellschaftlichen Strukturen scheitert, verwandelt sich der schüchterne, bindungsängstliche Emilio in einen Kontrollfreak, der seine Geliebte, seine Schwester und seinen besten Freund mit sich in einen Abgrund ziehen möchte.
Hörig ist das Portrait eines langweiligen und doch abgründigen Mannes, den man heutzutage wohl als „Incel“ bezeichnen würde. Der Amerikaner Anthony Franciosa mimt ihn (passenderweise!) eher leb- und farblos. Dagegen kann Claudia Cardinale als Angiolina, hier gerade 24 Jahre alt, mit einem feschen Louise-Brooks-Bubikopf schon ihr ganzes Charisma ausspielen. Schauspielerisch wird die Show aber zweifelsohne von Philippe Leroy gestohlen, der Emilios freigeistigen Künstler-Freund Stefano mit unbändiger Energie und unwiderstehlicher Sinnlichkeit mimt sowie von Betsy Blair, die Emilios zutiefst unglückliche Schwester emotional besonders ergreifend darstellt. Die tragische Geschichte einer Liebe, die zu Bitterkeit zerrinnt, präsentieren Mauro Bolognini und Kameramann Armando Nannuzzi in kalt-herbstlichen Impressionen eines Triest, das ganz in Regen, Nebel und dunklen Schatten getaucht ist und dadurch weniger mediterranes Flair als vielmehr „gothic vibes“ verströmt, verstärkt durch die düsteren, beunruhigenden Streicherklänge Piero Piccionis.
David Leuenberger
(WhoKnows Presents)