Hommage an Eckhart Schmidt zum 80. Geburtstag

Wir widmen Eckhart Schmidt, Filmemacher, Autor, Dichter, Produzent und Weltenreisender, eine Werkschau in elf Programmen anlässlich seines 80. Geburtstags am 31. Oktober 2018. Dabei freut es uns unermesslich, dass Schmidt an den drei Programmtagen in Nürnberg anwesend ist, um seine Filme vorzustellen und mit dem Publikum zu diskutieren.

Eckhart Schmidt begann als Filmkritiker bei der „Süddeutschen Zeitung“, bevor er selbst ins Regiefach wechselte und 1967 mit Jet Generation“ seinen ersten bereits viel beachteten Spielfilm drehte. In den 1970er Jahren arbeitete er vor allem für das Fernsehen, u. a. als enger Mitarbeiter von Joachim Fuchsberger, weiterhin als Filmkritiker der „Süddeutschen Zeitung“ und als Herausgeber der S!A!U!, einer der ersten deutschen Punk-Zeitschriften. In den 1980er Jahren kehrte er wieder zur Regie zurück. Gerade zwischen 1982 und 1986 entstanden einige seiner bekanntesten Filme, die nicht nur deutschlandweit erfolgreich waren, sondern auch international stark wahrgenommen wurden. Sein Film "Der Fan" von 1982 wurde mittlerweile sogar von Quentin Tarantino entdeckt, euphorisch gefeiert und als "German art horror masterwork" öffentlich präsentiert.Seit Ende der 1990er Jahre dreht Schmidt nur noch im Ausland, erst in Los Angeles und seit zwei Jahren in Italien.

Vom 16. bis 18. November wird es die Gelegenheit geben, einen Großteil des künstlerischen Schaffens von Eckhart Schmidt wieder auf der Leinwand bestaunen zu können. Neben seinen bedeutenden Klassikern wird insbesondere der Wert auch auf seine raren und nicht erhältlichen Lang- und Kurzfilme gelegt. Die älteren Werke werden alle im originalen 35mm-Kinoformat zu sehen sein. Ein weiteres Highlight wird die Premiere eines eigens in Nürnberg und für Nürnberg gedrehten Kurzfilms sein.

Für diese Reihe kooperieren wir mit dem Werkstattkino München und dem Filmkollektiv Frankfurt, die Schmidt im November ebenfalls eine Filmreihe widmen.

Herzlichen Dank an: Gorana Dragas - Eckhart Schmidt - Martin Brunnett - Gary Vanisian (Filmkollektiv Frankfurt e.V.) - Bernd Brehmer (Werkstattkino e.V.) - Stephanie Hausmann (Filmmuseum München)

 

Eintritt pro Film: 6 €

Dauerkarte: 45 €

 

Das Programm in der Übersicht:

 

Fr - 16. Nov

16:30 Die Story

21:15 Alpha City - Abgerechnet wird nachts

23:30 Loft

 

Sa - 17. Nov

12:00 Sunset Motel

14:00 Hollywood Fling: Diary of a Serial Killer (als Vorfilm: Die Flucht)

16:30 Das Wunder

21:15 Der Fan

23:30 Das Gold der Liebe (als Vorfilm: Nachtblau)

 

So - 18. Nov

12:00 Undine (als Vorfilm: Ritter, Tod und Teufel - und das Mädchen)

14:15 Broken Hearts (als Vorfilm: Nachmittags)

16:45 Der Sandmann

Filme

Undine

Deutschland 1991, 96 Min., dF, 35mm, R.: Eckhart Schmidt, D.: Isabelle Pasco, Christopher Buchholz, Ludwig Dornauer, Anouschka Renzi, Constanze Lindner

Der Geometer Raoul, der im Auftrag seines Bruders Frank in einer paradiesischen Berglandschaft eine Forststraße vermisst, erliegt der Faszination des schönen wie seltsamen Mädchens Undine. Diese will ihren See und ihre Berge vor Frank beschützen, der Fortschritt um jeden Preis will. Sie findet in Raoul einen Verbündeten, der die Schönheit der Bergwelt erhalten will. Doch als dann Raouls frühere Freundin Anja aus der Stadt auftaucht und Frank seine Ziele mit immer brutaleren Mitteln durchzusetzen versucht, steuern die Konflikte auf eine tragische Katastrophe zu. Und handelt es sich bei Undine um die sagenumwobene See-Nixe, die nur tagsüber menschliche Gestalt annimmt?

Ritter, Tod und Teufel - und das Mädchen

D 2018, 3 Min., dF, digital, R.: Eckhart Schmidt, D.: Laura Schulze

Mit dem speziell für Nürnberg und in Nürnberg gedrehten Kurzfilm würdigt Eckhart Schmidt Albrecht Dürer. Inspiriert von Dürers Gemälde "Ritter, Tod und Teufel" geht Schmidt der Frage nach, wie ein Mädchen ihre Gedanken über ihre wahrhaftige, aber unerfüllte Liebe und die daraus resultierende Sehnsucht in Worte fasst, während ihr Geliebter einem tödlichen Schicksal entgegeneilt.

Broken Hearts

Deutschland 1996, 96 Min., dF, 35mm, R.: Eckhart Schmidt, D.: Laura Di Mariano, Daniele Liotti, Massimo Ciprari, Claudio Rossetti, Roberto Proietti

Beruhend auf einer wahren Geschichte, die Schmidt in einer italienischen Zeitung gelesen hatte, erzählt er von der unmöglichen Annäherung zwischen Stella und Raoul. Sie ist Tochter eine einflussreichen Mafia-Bosses, er ihr Fahrer. Eines Tages, als ihre Sehnsucht nach Liebe und Zärtlichkeit nicht mehr zu stillen ist, zwingt sie ihn, aufs Land zu fahren, wo sie von ihm geliebt werden will. Das vorbestimmte baldige Ende ihrer Verbindung bestimmt den Film und seine Bildebene, Zäune und räumliche Begrenzungen dominieren; der freie Himmel leuchtet nur kurz auf. So explizit wie zuvor nur in „Loft“ nimmt Schmidt Bezug auf den für sein Werk und Ideenkosmos neben Cesare Pavese wohl wichtigsten Autor, Dante Alighieri. „Die Liebe, sie bewegt die Sonne und die Sterne“, lautet das Mantra des Films.

Filme

Nachmittags

BRD 1964, 22 Min., dF, digital, R.: Eckhart Schmidt, D.: Christian Doermer, Isi Ter Jung

„Ein Versuch, ein Experiment – auch in formaler Hinsicht. Es ist eine Liebesgeschichte, die eigentlich nicht stattfindet: sie setzt sich in der Vorstellung eines jungen Mannes zusammen, der an der Straßenbahnhaltestelle auf eine ehemalige Freundin wartet. Das Mädchen kommt nicht.“ (Eckhart Schmidt, 1965)

Filme

Der Sandmann

Deutschland 1993, 104 Min., dF, 35mm, R.: Eckhart Schmidt, D.: Laurence Flaherty, Stella Vordemann, Sabrina Paravicini, John Karlsen, Erik Schumann

Daniel und Clara sind auf einer Urlaubsreise in Italien. Dort erblickt Daniel eine geheimnisvolle, rothaarige Frau, die ihm nicht aus dem Kopf geht. Plötzlich taucht Daniels Kindheit in Gestalt des albtraumhaften „Sandmanns“ Coppola bedrohlich vor ihm auf. Kurz darauf entpuppt sich die Rothaarige als vermeintliche Tochter Coppolas, eine junge Frau, die anders ist als alle anderen Frauen auf dieser Welt … Schmidt liefert eine bemerkenswert eigene Interpretation der gleichnamigen Erzählung E.T.A.Hoffmanns, bleibt ihr auf seine Art aber zugleich auch treu. Die grundlegendste Änderung betrifft die Figur der Olimpia: Bei Hoffmann noch ein wahrhaft unlebendiges Wesen, wird sie bei Schmidt zum Sinnbild für eine innige, unsagbare Form der Liebe, die Normalsterblichen zu empfinden nicht vergönnt ist.

Filme

Suspiria

Italien/USA, 152 Min., OmdU (19.11. / 21.11.) / dF (15.11. / 25.11.), digital, R.: Luca Guadagnino, D.: Chloë Grace Moretz, Tilda Swinton, Doris Hick

Die junge Amerikanerin Susie Bannion (Dakota Johnson) kommt 1977 zum renommierten Markos Tanzensemble nach Berlin. Während Susie unter der revolutionären künstlerischen Leiterin Madame Blanc (Tilda Swinton) außergewöhnliche Fortschritte macht, freundet sie sich mit der Tänzerin Sara (Mia Goth) an. Als Patricia (Chloë Grace Moretz), ebenfalls Mitglied des Ensembles, unter mysteriösen Umständen verschwindet, kommt der Psychotherapeut der jungen Tanzschülerin, Dr. Josef Klemperer (Lutz Ebersdorf), einem dunklen Geheimnis auf die Spur. Auch Susie und Sara ahnen, dass sich hinter der Fassade von Madame Blanc und ihrer Tanzschule unbarmherzige Hexen verbergen.

Mit „SUSPIRIA“ ist Luca Guadagnino („CALL ME BY YOUR NAME“) ein brillantes Remake von Dario Argentos Klassiker gelungen. Mit einer exzellenten Besetzung und in unvergesslichen Bildern hat der Oscar®-nominierte Regisseur ein fesselndes Meisterwerk geschaffen, das einem sensationell den Atem raubt.

 

Frankensteins Horror-Klinik

OT: Horror Hospital, Großbritannien 1973, 90 Min, dF, 35mm, R.: Antony Balch, D.: Michael Gough, Robin Askwith, Vanessa Shaw

Jason ist ein erfolgloser Musiker und will in einem Erholungszentrum eine Auszeit nehmen. Auf dem Weg dahin verliebt er sich in ein Mädchen, die ihn dorthin begleitet – doch angekommen, geraten sie an den finsteren Dr. Storm, der aus den hedonistischen Gästen willenlose Zombies kreiert.

Dr. Storm heißt in der deutschen Fassung natürlich Dr. Frankenstein, damit mehr Zuschauer ins Kino gehen, beglückend ist der Film aber in beiden Fassungen. Neben viel Sex gibt es blutige Spezialeffekte und der Film, der zwischen Ernsthaftigkeit und Genrepersiflage schwankt, unterhält außerordentlich.

 

 

200 Jahre Frankenstein

2018 jährt sich das Erscheinen von Mary Shelleys Roman „Frankenstein“ zum 200. mal. 1910 erstmals verfilmt, ist bis heute die Darstellung Boris Karloffs aus dem Jahr 1931 ikonisch und Ziel zahlreicher Parodien. Doch neben dem klassischen Gruselcharme schwebte Shelley sehr Gehaltvolles vor: 1815 brach der Vulkan Tambora aus und veränderte das Weltklima, es gab Ernteausfälle und viele Europäer flüchteten nach Amerika. Ein Jahr später, im „Jahr ohne Sommer“ verbrachte Mary Shelley unter anderem mit ihrem Mann und Lord Byron den Juni am Genfer See. Wegen der frostigen Sommertemperaturen knapp über dem Gefrierpunkt beschlossen die Dichter, in der Villa Deodati, ihrem Feriensitz, Drogen zu nehmen und Gespenstergeschichten zu schreiben. Polidori, Byrons Arzt, schrieb „Der Vampyr“, teils Byron zugeschrieben, und begründete den bis heute wirkenden Mythos des Dandy-Vampirs mit erotischer Ausstrahlung (vgl. neuerdings Angel in „Buffy“, 1997, „Twilight“, 2008, „Dracula untold“, 2014). Byron schuf ein Gedicht „Finsternis“ über die letzten beiden Menschen in einer apokalyptischen Welt, die sich gegenseitig umbringen. Und Mary Shelley den Urvater des Mad-Scientists, der die Kontrolle über seiner Schöpfung verliert.

Inhaltlich geht das tiefer: In einer Zeit, in der gerade erst Napoleon besiegt wurde – der einen Weltkrieg führte, wenn man so Kriege, die in mehreren Kontinenten ausgetragen werden, bezeichnet – und demokratische Kräfte bereits seit einem halben Jahrhundert immer mehr die alte Adelsordnung bedrohten (Unabhängigkeit Amerikas 1776, Französische Revolution 1789) ist Frankenstein das Symbol revolutionärer Kräfte einer Sturm-und-Drang-Epoche. Kräfte, die ohne Vernunft und Maß das Alte zerstören wollen, um Neues zu erschaffen und schließlich daran scheitern, da sich das Neue im Gegensatz zum Alten als mindestens ebenso gefährlich, aber darüber hinaus als unkontrollierbar erweist.

Damit erreicht „Frankenstein“ eine politische Dimension, die durchaus beabsichtigt ist: Victor Frankenstein aus Genf studiert und erschafft sein Monster in Ingolstadt, und Mary Shelley siedelte ihr Werk deswegen in der kleinen Universitätsstadt an, da in Ingolstadt Adam Weishaupt den Illuminatenorden gründete, einen Geheimbund, der den Adel stürzen und demokratische Prinzipien an dessen Stelle installieren wollte. - Wobei auch die werkgetreueren Verfilmungen in ihrer Tendenz kaum als demokratiefeindlich einzuordnen sind, auch wenn sie sich aus einer solchen Quelle speisen – vielmehr aber fortschrittsfeindlich sind - und damit seit eh und je ein Politikum.

Filmfestivals

Programmübersicht:

Das Programm in der Übersicht:

Freitag, 23.11.

21:15 Uhr Der Killer von Wien

23:15 UhrDas unheimliche Auge

Samstag, 24.11.

14 Uhr Die Mörderklinik

16 Uhr Der Tod trägt schwarzes Leder

21:15 Uhr Unter den Augen des Mörders

23:15 Uhr Die Grotte der vergessenen Leichen

Sonntag, 25.11.

10 Uhr Suspiria

13 Uhr Exzess – Mord im schwarzen Cadillac

15 Uhr Die Nacht der rollenden Köpfe

17 Uhr Der Todesengel

Einzeltickets kosten 6 Euro pro Film, die Dauerkarte für alle Filme gibt's für 36 Euro.

Reservieren könnt ihr unter reservierung(at)kommkino.de.

 

Die stille Straße in der großen Stadt schläft friedlich, und die mondän eingerichtete Wohnung liegt im Halbdunkeln. Die attraktive Bewohnerin steht, noch das Tanzen im Nachtclub und die aufregenden Flirts des Abends im Kopf, unter der Dusche. Dabei verwöhnt sie ihren makellosen Körper mit seidig perlendem Schaum. Leise Musik schmeichelt den Ohren, und auf dem Tisch steht die Flasche J&B schon bereit. Da erfasst die Kamera den sich langsam bewegenden Türgriff. Eine dunkle Gestalt huscht lautlos in die Wohnung, ein böse blitzendes Messer in der Hand. Die Dame des Hauses hüllt sich derweil notdürftig in einen Morgenmantel, ergreift den Whisky und fläzt sich in ihren Pfauenstuhl– da begreift sie, dass sie nicht alleine in der Wohnung ist. Verzweifelte Fluchtversuche, Ansätze von Gegenwehr, ein ungleicher Kampf, Möbel gehen entzwei, da klopft es plötzlich kräftig an der Tür. Der Freund der Dame versucht hektisch in die Wohnung einzudringen, wissend um den soeben stattfindenden Kampf um Leben und Tod. Und während das Blut die Gliedmaßen der Schönheit benetzt, und sie mit schreckgeweiteten Augen ihr Leben aushaucht, schafft der Freund es endlich, die Türe einzutreten. Gerade dass er noch den schwarzbehandschuhten Mörder entschwinden sieht. Tja, die Katze wüsste wer der Mörder ist, aber sie wird es nicht verraten. Schon gar nicht dem unfähigen Kommissar …

Na, mal wieder Lust auf einen Giallo? In dieser besonderen Spielart des Krimis aus den 70er Jahren können Regisseure wie Sergio Martino, Dario Argento, Lamberto Bava oder Massimo Dallamano die geschilderte Situation in wild ausgestalteten Variationen immer wieder neu und immer wieder spannend erzählen. Auch beim x-ten Ansehen bleibt da dieser wohlig-intensive Schauer, der dem Zuschauer ganz klar sagt: Zuschauen, entspannen, J&B trinken, wohlfühlen! Gleich ob als Erotik-Thriller, Slasher, Polizeifilm, Gothic-Horror oder als Psychodrama, ob eingebettet in modernes Großstadtleben oder ländliche Idylle, in historische Kostümsettings oder im Western-Umfeld … Der Giallo war sich für nichts zu schade, und in einer Zeit, in welcher in der Kunst und auch im wirklichen Leben die Grenzüberschreitung an der Tagesordnung war, entstanden unter der Hand (mal mehr und mal weniger) fähiger Regisseure Filme, die Kopf und Bauch, Augen und Ohren, Libido und Psyche gleichermaßen forderten und zufrieden stellten.

In Nürnberg kann nun die Steigerung zum Zuhause-auf-dem-Fernsehschirm-Genuss erlebt werden: Beim Giallo-Festival „Il Mostro di Norimberga“ werden im KommKino vom 23. bis 25. November 2018 einige der absoluten Highlights des Genres auf die Leinwand gezaubert. Selbstverständlich von echtem Filmmaterial und in 35mm kann die „klassische“ Mörderhatz mit blutigen Messern und nackten Frauen genauso genossen werden wie einige der sehenswerten Varianten, die das Genre im Lauf der Zeit so interessant und abwechslungsreich machten.

Also packt Eure schwarzen Handschuhe ein, greift Euch den J&B, noch ein paar Krimis von Mondadori als Reiselektüre, und ab nach Nürnberg, wo unter anderem sinistre Geschwister, Kinderschänder, sadistische Liebhaber, abgedrehte Adelige und bedrängte Erotik-Verleger ihr Unwesen treiben. Wer da das tatsächliche Monster von Nürnberg ist? Das muss schon jeder selber herausfinden …

Der Killer von Wien
(Lo strano vizio della signora Wardh)
Italien/Spanien 1971 | 98 Min. | deutsche Fassung | 35mm (1:2,35)

Regie: Sergio Martino
Darsteller: George Hilton, Edwige Fenech, Conchita Airoldi, Ivan Rassimov, Alberto de Mendoza, Bruno Corazzari
Drehbuch: Eduardo Manzanos, Ernesto Gastaldi, Vittorio Caronia
Kamera: Emilio Foriscot, Florian Trenker
Musik: Nora Orlandi

Die Ehe der attraktiven Julie Wardh (Edwige Fenech) steht kurz vor dem Aus. Gemeinsam mit ihrem Mann Neil (Alberto de Mendoza), einem älteren Börsenmakler, macht sie sich auf den Weg nach Wien, da dort wichtige Geschäftstermine anstehen. In ihrer Heimatstadt angekommen trifft Julie auf ihre alte Freundin Carol und lernt auf einer Party den Frauenschwarm George (George Hilton) kennen. Julie kann ihre Zuneigung zu George nicht lange unterbinden und sieht in ihm weit mehr als nur einen unbedeutenden Flirt. George scheint ein neuer Lichtblick in Julies Leben zu sein, abseits vom langweiligen Geschäfts-und Eheleben ihres Mannes. Während Julie und George ihre Affäre in vollen Zügen genießen taucht unerwartet Julies Ex-Liebhaber Jean (Ivan Rassimov) auf. Trotz der dunklen Vergangenheit beider, konnte sich Jean nie ganz von Julie lösen und umwirbt sie wo es nur geht. Die Nettigkeiten von Jean nehmen zu und umso mehr grauenvolle Gedanken an ihr damaliges sadomasochistisches Verhältnis kehren bei Julie zurück. Zur selben Zeit werden in Wien vermehrt hübsche Frauen von einem vermummten Serienkiller mit Rasiermesser getötet und auch Julie fällt in das Raster des scheinbar unaufhaltsamen Schlitzers. Wer ist der mysteriöse Killer? Ist es Jean? Julies Ehemann, der wegen dem Seitensprung seiner Frau durchdreht? Oder George, der Julie konkurrenzlos für sich alleine haben möchte? (filmArt)

Ein Klassiker des damals noch jungen Giallo-Genres, veredelt durch erstklassige Schauspieler, die wunderschöne Musik von Nora Orlandi, deren suggestives Dies Irae den Kopf nicht mehr so schnell verlässt, die unauffällig-effektive Kameraführung von Emilio Foriscot, und ein klug aufgebautes und mit genau den richtigen Twists versehenes Drehbuch von Ernesto Gastaldi. Ein Muss für jeden Thriller-Fan, und für Liebhaber stylisher 70er-Jahre Settings (und von Frauen in Papierkleidern) erst recht.

Das unheimliche Auge
(Le foto di Gioia)
Italien 1987 | 93 Min. | deutsche Fassung | 35mm (1:1,85)

Regie: Lamberto Bava
Darsteller: Serena Grandi, Daria Nicolodi, Vanni Corbellini, David Brandon, George Eastman, Sabrina Salerno, Capucine
Drehbuch: Luciano Martino, Gianfranco Clerici, Daniele Stroppa
Kamera: Gianlorenzo Battaglia
Musik: Simon Boswell

Ein Jahr nach dem Unfalltod ihres Mannes kehrt Gioia (deutsche und englische Fassung: Gloria) zurück zu dem Magazin das sie leitet: Pussycat, ein Hochglanzblatt für nackte und erotische Tatsachen. Alles ist wie gehabt: Die Damen planschen nackt im Pool, der schwule Fotograf porträtiert ihre Vorzüge und die Konkurrentin Flora versucht möglichst aggressiv das Magazin aufzukaufen. Das heißt, so ganz ist nicht alles beim alten, denn es geht ein Mörder um der die besten Models grausam tötet. Gioia hat schnell die Vermutung, dass sie das eigentliche Ziel der Mordserie ist, mögliche Täter mit möglichen Motiven gibt es in ihrer Umgebung mehr als genug und der Mörder metzelt sich mit beängstigender Geschwindigkeit näher… (Der Maulwurf)

Bevor Lamberto Bava sich künftig vermehrt italienischen TV-Produktionen annahm, ließ er 1987 vorerst letztmalig einen vermummten Schlitzer im Kinoformat von der Leine, der es auf die Damenwelt im freizügigeren Modebusiness abgesehen hat. Parallelen zu »6 donne per l'assassino« (Blutige Seide, 1964), dem Klassiker italienischer Thrillerkunst, sowie zentrales Schlüsselwerk in der Filmografie seines Vaters Mario, sind daher nicht von der Hand zu weisen und man kann »Le foto di Gioia« durchaus als eine schrille Verbeugung vor dem Meilenstein deuten. Die 80er Jahre hinterlassen dabei markant ihre Spuren, was sich in dröhnender Rockmusik, bunten Outfits und einer erotischen Note bestätigt. Dazu würzt Bava sein seifenoperhaftes Whodunit mit zahlreichen fantastischen Elementen, verneigt sich ebenfalls vor Hitchcock & De Palma, stellt sicher, dass Serena Grandis Oberweite der eigentliche Star des Films ist und bedient sämtliche Achtzigerjahre-Klischees gekonnt, ohne dabei den Kitsch allzu unattraktiv wirken zu lassen. Die wahren Stärken von „Le foto di Gioia“ kommen allerdings zum Vorschein, wenn der Mörder in Aktion tritt. Dann verändert das Bild seine Farbe durch grelle Filter, die Musik peitscht die Dramatik laut voran, die Optik verschmilzt zu einem halluzinogenen Trip und macht dem internationalen Alternativtitel damit alle Ehre. Der Streifen ist bestimmt nicht Lamberto Bavas bester Film und von den Speerspitzen des Genres sicherlich weit entfernt, dennoch hebt sich dieser Beitrag dank vieler origineller Einfälle vom gelben Einheitsbrei ab und unterhält auf seine eigene Weise ungemein.

Tobias Reitmann

Die Mörderklinik
(La lama nel corpo)
Italien/Frankreich 1966 | 87 Min. | deutsche Fassung | 35mm (1:2,35)

Regie: Elio Scardamaglia
Darsteller: William Berger, Françoise Prévost, Mary Young, Barbara Wilson, Philippe Hersent, Harriet Medin, Germano Longo, Massimo Righi
Drehbuch: Ernesto Gastaldi, Luciano Martino
Kamera: Marcello Masciocchi
Musik: Francesco De Masi

Dr. Robert Vance (William Berger) betreibt eine Heilanstalt, in der Patienten mit angeschlagener psychischer Konstitution betreut werden. Da die Einrichtung sehr abgeschieden liegt, sollen seine Schutzbefohlenen von der vorhandenen Ruhe profitieren, jedoch wird durch diese Voraussetzung auch ein unheimlicher Frauenmörder angelockt, der seine Opfer mit einem Rasiermesser tötet. Doch es scheinen sich noch weitere Geheimnisse in dem alten Gemäuer zu verbergen. Aus dem oberen Stockwerk sind sehr beunruhigende Geräusche zu vernehmen. Als man der Sache auf den Grund gehen will, kommt es zu einer schauerlichen Entdeckung. Derweil mordet das Phantom weiter und in der Klinik scheint es von Verdächtigen nur so zu wimmeln... (Prisma)

„Gothic Horror meets Giallo“ heisst die Devise in Elio Scardamaglias „Die Mörderklinik“ aus dem Jahr 1966. Mit der im frühen 19. Jahrhundert angesiedelten Geschichte und einem gotischen Kastell als Schauplatz wähnt man sich rasch in einem Gruselfilm der Hammer Studios; oder noch treffender einem von Antonio Margheriti in Farbe. Oben, versteckt in einer Dachkammer, haust eine unheimliche Frau in Schwarz und auf der Tonspur entfesselt Francesco di Masis klassisch-dramatischer Score eine Schauerfilmatmosphäre wie sie purer nicht sein könnte. Doch wenn schon kurz nach Vorspann ein Rasiermesser im schwarzen Handschuh aufgeklappt wird, eine gewissenlose Femme Fatale ihre erpresserischen Spielchen treibt und sich William Berger, Massimo Righi, Mary Young und Delfi Mauro im gepflegten Whodunit um die Wette verdächtig machen, wird sich in der düsteren Klinik des Dr. Vance auch der geneigte Fan mörderischer Mystery’all italiana schnell heimisch fühlen. Zumal das Drehbuch von niemand Geringerem als Ernesto Gastaldi stammt; der hat bekanntlich von „Der Killer von Wien“ bis „Death Walks at Midnight“ die Geschichten zu gefühlten hundert Giallo-Klassikern geschrieben.

Zwar steht hier noch keine Flasche J&B auf dem Tisch, doch ist der kurz nach dem von Mario Bava eingeläuteten Genre-Urknall „Blood and Black Lace“ entstandene Film ein gediegenes, atmosphärisches Beispiel eines frühen Giallo, der gleichwohl als gotischer Schauerfilm funktioniert.

Christian Ade

Der Tod trägt schwarzes Leder
(La polizia chiede aiuto)
Italien 1974 | 91 Min. | deutsche Fassung | 35mm (1:2,35)

Regie: Massimo Dallamano
Darsteller: Giovanna Ralli, Claudio Cassinelli, Mario Adorf, Franco Fabrizi, Farley Granger, Marina Berti, Sherry Buchanan
Drehbuch: Massimo Dallamano, Ettore Sanzò
Kamera: Franco Delli Colli
Musik: Stelvio Cipriani

Die 15-jährige Silvia wird erhängt auf einem Dachboden aufgefunden, alles sieht nach Selbstmord aus. Kommissar Silvestri findet jedoch schnell heraus, das der vermeintliche Selbstmord nur vorgetäuscht ist und man es mit einem Mord zu tun hat. Zusammen mit der Staatsanwältin Stori macht sich Silvestri an die Ermittlungen und stößt schon bald auf einen Verbrecher-Ring der sein Geld mit Kinderprostitution macht. Aber nicht nur der Kommissar macht Jagd auf die Verbrecher, auch ein mysteriöser, komplett in schwarzer Motorradkleidung steckender Unbekannter macht auf seine Art Jagd auf die Bande... (OFDb.de)

Massimo Dallamano schuf mit »La polizia chiede aiuto« (übersetzt: Die Polizei bittet um Hilfe) einen Thriller, der sich nur bedingt in eine bestimmte Genre-Schublade pressen lässt, da hier bewusst zwischen mehreren Stilen italienischer Kriminalfilmstrukturen gependelt wird. Die notwendige Dramatik wird dabei keineswegs außer Acht gelassen. Doch so kalt der Plot und die Atmosphäre rund um Mailand auch sein mögen: Dallamano gelingt es eindrucksvoll das ermittelnde Dreiergespann um Giovanna Ralli, Claudio Casinelli und Mario Adorf als hell erleuchteten Gegenpol zu den tragischen Ereignissen im Schulmädchenmilieu, sowie den erbarmungslosen Hinrichtungen vonseiten des titelgebenden Phantoms einzuordnen und die Handlung, um sie herum zu zentralisieren. Ralli und Cassinelli erledigen ihren Part dabei routiniert wie eh und je, aber es ist Mario Adorf, der aus dem Trio heraussticht und die schauspielerischen Großmomente vom Rand aus unfreiwillig an sich zu reißen vermag. Ähnlich präsent ist der hier vorliegende Soundtrack von Komponistenlegende Stelvio Cipriani, der das Geschehen vehement vorantreibt, ebenfalls das Handlungsgerüst in etlichen Passagen verdunkelt und überhaupt zu eine der bekanntesten Musiken des italienischen Genrefilms vergangener Tage zählen dürfte. Es ist allerdings auch der intensiven Erzählweise Dallamanons geschuldet, dass man diesen Film nicht so schnell vergessen wird, denn das anstößige Thema – in ähnlichen Formen aus heutiger Sicht immer noch präsent – versteht zu fesseln und erschüttern zugleich. Dass Dallamano gerade bei diesem schwierigen Drahtseilakt das preschende Tempo öfters reduziert, stärkt den Aufbau ungemein und lässt »La polizia chiede aiuto« in seiner Gesamtheit betrachtet als einen der besten italienischen Thriller der Siebzigerjahre glänzen, der obendrauf auch keine Seitenhiebe in Richtung Politik und System scheut.

Tobias Reitmann

Unter den Augen des Mörders
(Sotto gli occhi dell'assassino)
Italien 1982 | 96 Min. | deutsche Fassung | 35mm (1:1,85)

Regie: Dario Argento
Darsteller: Anthony Franciosa, Christian Borromeo, Mirella D'Angelo, John Steiner, Lara Wendel, John Saxon, Daria Nicolodi, Giuliano Gemma
Drehbuch: Dario Argento
Kamera: Luciano Tovoli
Musik: Simonetti-Morante-Pignatelli

In Rom will der Autor Peter Neal sein neues Buch vorstellen. Sein Besuch wird jedoch von einem grausamen Mord überschattet. Das Opfer, eine junge Frau, wird mit durchtrennter Kehle und zerknüllten Seiten von Neals Roman im Mund gefunden. Die Polizei sucht nach einem Zusammenhang mit dem beliebten Autor, dieser hält das Ganze noch für einen Zufall. Doch als es zu neuen Opfern kommt und er selbst in den Fokus des irren Killers rückt, ändert sich seine Einstellung. Zusammen mit seiner Assistentin versucht er, dem tödlichen Treiben auf die Spur zu kommen und gerät dabei sehr schnell selbst in erhebliche Gefahr.

Nachdem sich Dario Argento in der zweiten Hälfte der 1970er Jahre von seinen gialloesken Wurzeln löste und mit „Suspiria“ und „Inferno“ auf den Pfaden des Horrorkinos wandelte, erwartete das Kinopublikum von „Unter den Augen des Mörders“ eigentlich den Abschluss der „Mütter-Trilogie“. Doch diese Erwartungshaltung wurde von einem kräftigen Axthieb niedergeschmettert, denn an die Stelle von Hexenkult und Gothic Horror traten die Ingredienzien eines Giallo-Thrillers. Einhergehend wich die antinaturalistische Farbgebung, die einen großen Anteil der gigantischen Atmosphäre (die „Suspiria“ und „Inferno“ transportieren) ausmacht, einer High-Key-Fotografie, welche die Farbe Weiß mit einer Allgegenwärtigkeit ausstattet, die die restliche Farbpalette nach allen Regeln der Filmkunst dominiert.

Trotz der enormen Divergenzen ließ es sich Argento nicht nehmen, „Unter den Augen des Mörders“ mit einigen Verweisen (New York, Rom, Buch, Feuer etc.) in Richtung „Inferno“ auszustatten. Diese Momente lassen sich als geschickte Täuschungsmanöver entschlüsseln, welche die Betrachter auf manch falsche Fährte locken. Denn die angeblichen Spuren zur „Mütter-Trilogie“ verirren sich in einer Sackgasse, an dessen Ende ein Spiegel installiert ist, der dem Publikum seine Manipulierbarkeit entlarvend vor Augen führt. Der Zuschauer erliegt einer Fremdbestimmung, die ihn obendrein durch ein Rom leitet, welches die Präsentation antiker Bauwerke gänzlich ausklammert, sodass er inmitten von futuristisch wirkender Architektur wandelt. Eskortiert von einer extremen Helligkeit, die als gleichberechtigter Partner der Farbe Weiß agiert und den Betrachter zu der Frage bewegt, warum ein derart Licht-geflutetes Filmwerk ausgerechnet auf den Namen „Unter den Augen des Mörders“ getauft wurde?

Wer nun dem unerträglichen Drang erliegt, dieses Rätsel dechiffrieren zu müssen, der sollte vorweg die Logik an der Kleidergarderobe ablegen! Also genießt Dario Argentos audiovisuelles Glanzstück, und freut euch auf den finalen Moment, in dem der Mörder wie ein Schachtelteufel aus der Box springt, denn wer kann schon von sich behaupten, dem „Tenebre-Killer“ innerhalb eines 35mm-Lichtspiels begegnet zu sein?

Frank Faltin




Die Grotte der vergessenen Leichen
(La notte che Evelyn uscì dalla tomba)
Italien 1971 | 96 Min. | deutsche Fassung | 35mm (1:2,35)

Regie: Emilio Miraglia
Darsteller: Anthony Steffen, Marina Malfatti, Erika Blanc, Giacomo Rossi Stuart, Enzo Tarascio, Umberto Raho
Drehbuch: Fabio Pittorru, Massimo Felisatti, Emilio Miraglia
Kamera: Gastone Di Giovanni
Musik: Bruno Nicolai

 

Seit dem Tod seiner Frau Evelyn kämpft der wohlhabende Lord Alan Cunningham (Anthony Steffen) mit psychischen Auffälligkeiten. Er steht dermaßen unter dem Zwang seiner verstorbenen Gattin, dass er sich Prostituierte aussucht, die Evelyn ähnlich sehen, um sie schließlich in der Folterkammer seines halb verfallenen Schlosses sadistisch zu quälen, was auch Susie (Erika Blanc) schmerzhaft erfahren muss. Doch befreien kann er sich mit diesen Maßnahmen nicht von ihr, ganz im Gegenteil. So rät ihm sein Psychiater Dr. Timberlane (Giacomo Rossi Stuart) wieder zu heiraten. Auf einer Party lernt er die attraktive Gladys (Marina Malfatti) kennen, die er innerhalb von kürzester Zeit heiratet. Doch das Glück ist nur von kurzer Dauer, da sich unheimliche Dinge im Schloss ereignen, denn Evelyn ist bereits mehrmals erschienen und Alan droht endgültig den Verstand zu verlieren. So beschließt Gladys die Familiengruft aufzusuchen und macht eine entsetzliche Entdeckung. Der Sarg ist leer und seitdem geschehen bestialische Morde. Ist Eyelyn tatsächlich aus dem Grab gestiegen..? (Prisma)

Mit „Die Grotte der vergessenen Leichen“ erwartet den Zuschauer ein ganz besonderer Giallo. Der Hauptprotagonist Lord Cunningham ist ein Frauenmörder. Doch obwohl es zu Anfang so aussieht, als ginge es um seine Taten, wechselt die Szenerie zu einem behandschuhten unbekannten Killer, der Lord Cunningham anscheinend in den finalen Wahnsinn treiben will. Geht es um Rache, um eine Erbschaft oder ist es gar doch der irre Lord selbst? Unwichtig, denn „Die Grotte der vergessenen Leichen“ bietet ein fast schon einmalig interessantes Wechselbad zwischen Sleaze, Spannung, Mord und mal verklärt, dann wieder schonungslos nackt fotografierten Bildern. Ein herausragender Soundtrack von Bruno Nicolai untermalt diese Mischung aus Giallo und Horror, und Hauptdarsteller Anthony Steffen sorgt mit seiner Gesichtsmimik gar für ein paar wohlwollende Lacher - bis am Ende alles in einem Inferno menschlicher Abgründe blutig untergeht. Viel Spaß mit einer hochkarätigen Besetzung in Form von Anthony Steffen, Marina Malfatti, Erika Blanc, Giacomo Rossi Stuart und Umberto Raho in „Die Grotte der vergessenen Leichen“.

Die deutsche Kinofassung bietet eine leicht alternative Schnittfassung gegenüber der italienischen Originalfassung, ist aber deutlich länger als beispielsweise die US R-Rated-Fassung.

Gerald Kuklinski

Exzess - Mord im schwarzen Cadillac
(Femmine insaziabili)
Italien/Deutschland 1969 | 93 Min. | deutsche Fassung | 35mm (1:1,85)

Regie: Alberto De Martino
Darsteller: Robert Hoffmann, Dorothy Malone, Luciana Paluzzi, Frank Wolff, John Ireland, Nicoletta Machiavelli, Ini Assmann, Rainer Basedow, Roger Fritz, Romina Power
Drehbuch: Alberto De Martino, Vincenzo Mannino, Lianella Carell, Carlo Romano
Kamera: Sergio D'Offizi
Musik: Bruno Nicolai

Der Journalist Paolo Sartori (Robert Hoffmann) liegt angezogen und verkatert auf seinem Bett, als plötzlich zwei Männer in sein Appartement in Los Angeles eindringen. Sie halten sich nicht lang mit Reden auf, sondern versuchen aus ihm heraus zu prügeln, wo sich „Lambert, the Smile“ befindet. Sartori ahnt nicht, dass damit sein alter Freund aus Italien, Giulio Lamberti (Roger Fritz), gemeint ist, den er schon seit Jahren nicht mehr gesehen hat, der aber plötzlich auf seiner Terrasse steht, nachdem die beiden Schläger wieder verschwunden sind. Lamberti, mit dem er sich früher auch politisch engagiert hatte, bleibt nur einen Moment, will ihn aber kurzfristig wieder treffen, um ihn über die Hintergründe seiner Situation zu informieren. Stoff für eine gute Story, wie Sartori seinem Chefredakteur Salinger (John Ireland) am nächsten Morgen mitteilt, der ihm die Bezeichnung „Lambert, the Smile“ erklärt. Lamberti ist das Werbegesicht eines mächtigen Chemie-Konzerns, auf dessen Plakaten er immer mit einem Lächeln zu sehen ist. Doch das dabei eine Titel-Story herauskommt, glaubt er nicht - bis Sartori, als er seinen Freund aufsuchen will, erfährt, dass er bei einem Unfall ums Leben gekommen ist… (Udo Rotenberg)

„Mord im schwarzen Cadillac“ entstand im Winter 1968/69 unter der Regie des verdienstvollen Genrefilm-Regisseurs Alberto De Martino und wurde in unseren Breitengraden erstmals am 14. August 1970 aufgeführt. Dabei handelt es sich um eine irrwitzige Giallo-Inszenierung, die zwar keinen vermummten, handschuhtragenden und mit hochglanzpoliertem Schneidewerk bewaffneten Täter vorweisen kann, dafür aber mit ganz anderen Qualitäten auftrumpft, die wiederum einen genregerechten Hochgenuss garantieren. Beeinflusst vom amerikanischen Noir-Kino vergangener Tage, schuf Alberto De Martino einen zeitgenössischen Kriminalfilm, der zudem die damaligen Grenzen vorzeigbarer Nacktheit auslotete; denn was der Regisseur in der Originalfassung des Films zeigt, dürfte einigen Moralhütern schwer auf den Magen geschlagen haben. Leider wurden diese expliziten Szenen weltweit in zahlreichen Schnittfassungen entschärft, worunter zwar auch die deutsche Kinofassung fiel, die aber nichtsdestotrotz immer noch ein hoch vergnügsames Filmerlebnis bereiten dürfte, zumal es sich bei der deutschen 35mm-Kopie um eine absolute Seltenheit handelt.

Eine weitere Stärke dieses außergewöhnlichen Kriminalfilms resultiert aus dem bunt zusammengewürfelten Haufen an gut aufgelegten Schauspielern, von denen der Österreicher Robert Hoffmann die Rolle des hartnäckigen Journalisten verkörpern darf, den während seines investigativen Ermittlungsfeldzugs eine böse Überraschung nach der anderen erwartet. Ihm gegenüber steht der deutsche Schauspieler, Filmemacher und Fotograf Roger Fritz, der seinen Rollencharakter Dieter Lambert ebenfalls mit Bravour darstellt. Dabei entpuppt sich der Dressmann als ein Charakterschwein erster Güte, das dann nicht nur die Haupteignerin Vanessa Brighton (Dorothy Malone) eiskalt mit deren Tochter betrügt oder den Aktionär Frank Donovan (Frank Wolff) mit dessen Lasterhaftigkeiten erpresst, sondern auch noch dessen naive Sekretärin (Luciana Paluzzi) aufs Übelste vorführt. Die Tochter von Vanessa Brighton, Gloria, wird von der damals gerade erst siebzehnjährigen Romina Power verkörpert, wobei ihr hippiehafter Rollencharakter rein vom Äußerlichen her sehr stark an ihre Rolle aus dem italienisch-spanisch co-produzierten Giallo „Trumpet of the Apocalypse“ (I caldi amori di una minorenne) erinnert, der überraschenderweise gerade mal acht Tage nach „Mord im schwarzen Cadillac“ in den italienischen Kinos startete. Neben den US-amerikanischen Schauspielstars Dorothy Malone und John Ireland darf dann auch noch die deutsche Darstellerriege mit Ini Assmann, Rosemarie Lindt und Rainer Basedow ihr Können in kleineren Nebenrollen unter Beweis stellen. Wobei die energiegeladene Darbietung des Letztgenannten gerne ein wenig zeitintensiver hätte ausfallen können, denn Rainer mimt einen der beiden üblen Schlägertypen, der mit seiner unnachahmlichen Stimme kein Blatt vor den Mund nimmt.

Abschließend gilt noch festzuhalten, dass jeder der beteiligten Charaktere ordentlich Dreck am Stecken hat, denn reine Westen sind in Alberto De Martinos Glanzstück sehr rar gesäht. Untermalt wird das abgründige Treiben von einer sensationellen Filmmusik, die der Soundtrackschmiede Bruno Nicolais entstammt. Bleibt jetzt nur noch zu fragen: Are you ready for the "exzess"?

Richie Pistilli

Die Nacht der rollenden Köpfe
(Passi di danza su una lama di rasoio)
Italien/Spanien 1973 | 84 Min. | deutsche Fassung | 35mm (1:1,66)

Regie: Maurizio Pradeaux
Darsteller: Robert Hoffmann, Nieves Navarro, George Martin, Anuska Borova, Serafino Profumo, Simón Andreu, Anna Liberati, Rosita Torosh
Drehbuch: Alfonso Balcázar, Arpad DeRiso, George Martin, Maurizio Pradeaux
Kamera: Jaime Deu Casas
Musik: Roberto Pregadio

Ketty beobachtet zufällig durch ein Touristenfernrohr einen Mord an einer jungen Frau, das Gesicht des Mörders hat sie allerdings nicht gesehen. Weder ihr Freund Alberto noch die Polizei glauben ihr anfangs, aber dann wird tatsächlich die Leiche in der von ihr beschriebenen Wohnung gefunden. Ein Maronenverkäufer der den Mörder gesehen hat stirbt, genauso wie eine alte Frau die ihr Wissen um die Identität des Mörders an die Presse verkaufen möchte. Und da niemand weiß, dass Ketty den Mörder nicht erkannt hat, gerät auch sie in das Visier des Unholds. Könnte es ihr Verlobter Alberto sein, der gerne Messer in Stoffpuppen rammt? Oder die junge Journalistin Lydia, die für eine Schlagzeile und ihre Karriere absolut alles machen würde? Oder der Musiker Marco, der ein Tanzstück über Bildern von zerstückelten Puppen machen möchte? Oder Silvia, die allem Anschein nach alles und jeden hasst? (Maulwurf)

"Die Nacht der rollenden Köpfe" wurde im Februar 1974 in die bundesdeutschen Kinos gebracht - übrigens durch den Jugendfilm-Verleih - um Anfang der 80er Jahre auf die Liste der jugendgefährdenden Medien gesetzt zu werden, wo er auch fünfundzwanzig Jahre verweilen musste. Die Wahl des deutschen Titels erscheint wie eine Allianz aus Kalkül und Wohlklang, immerhin lässt sich eine deutliche Anlehnung an gängige Formate und laufende Serien herausfiltern. Außerdem wirkt das Ganze bereits im Vorfeld äußerst verlockend. Entstanden in der Blütezeit des Giallo und in einem allgemein sehr produktiven Filmjahr, setzt der eher sporadisch in Erscheinung getretene Regisseur Maurizio Pradeaux auf die typischen Markenzeichen des gelben Films, um schließlich ein Ergebnis abzuliefern, das zwar einen vorgefertigten Weg ohne Risiken oder bedeutende Neuerungen einschlägt. Beim Stammpublikum weiß es aber umso besser anzukommen, da es sich an gängigen Sehgewohnheiten und dem beliebten Spannungskino orientiert. Obwohl gleich zu Beginn der Zufall bemüht wird, kommt es unter strikter Berücksichtigung bestehender Gesetze des Giallo zu einem bemerkenswert klaren Aufbau und fließenden Übergängen, die alle klassischen Attribute des Genres auf einem Silbertablett servieren. Es darf mysteriös, blutrünstig und atmosphärisch werden, aber vor allem spannend und ein Spritzer schwarzer Humor lockert das Geschehen obendrein noch effektiv auf. Die Charaktere sind erneut in Fraktionen aufgeteilt. Auf der einen Seite stehen die Sympathieträger und die Opfer ihres eigenen Pokerspiels, welche die Tanzschritte auf der Rasierklinge gut choreografieren. Auf der anderen Seite plustern sich hingegen krude und störrische Gestalten auf, die nicht nur Verwirrung stiften, sondern tatkräftig an einem angemessenen Whodunit-Effekt mitarbeiten. Wenn sich die nicht immer vorhandene Nacht dem Ende zuneigt und im übertragenen Sinn genügend Köpfe gerollt sind, darf man auf einen kurzweiligen Vertreter der Zunft blicken, der seinen Auftrag locker erfüllen kann.

Prisma

Der Todesengel
(La vittima designata)
Italien 1971 | 100 Min. | deutsche Fassung | 35mm (1:2,35)

Regie: Maurizio Lucidi
Darsteller: Tomas Milian, Pierre Clémenti, Katia Christine, Luigi Casellato, Ottavio Alessi, Marisa Bartoli, Alessandra Cardini, Enzo Tarascio
Drehbuch: Fulvio Gicca Palli, Augusto Caminito, Aldo Lado, Maurizio Lucidi, Antonio Troiso
Kamera: Aldo Tonti
Musik: Luis Bacalov

Der mit der reichen Luisa unglücklich verheiratete Grafiker Stefano Augenti lernt bei einem Venedig-Aufenthalt mit seiner Langzeit-Affäre den exzentrischen Graf Matteo Tiepolo kennen. Letzterer versucht, die Freundschaft Stefanos zu erlangen und ihn zu einem perfekten Verbrechen zu überreden - Stefano soll Matteos verhassten Bruder ermorden, im Gegenzug tötet der Graf Stefanos Frau. Als Stefano sich nicht so recht für den ihm unterbreiteten Pakt begeistern kann, wird er mithilfe eines perfiden Plans dazu genötigt... (Schattenlichter)

Gialli, wie man das Genre landläufig kennt: altbekannte Komponenten sind Rasierklingenmorde, schwarz behandschuhte Killer und eine so verrückte Story, dass diese gut und gerne einem Fiebertraum entsprungen sein könnte. Doch das alles gilt nicht für „Der Todesengel“. Bei diesem Thriller des Regisseurs Maurizio Lucidi handelt es sich nach Alfred Hitchcocks "Der Fremde im Zug" um die zweite Verfilmung eines Romans der Autorin Patricia Highsmith. Während die Credits noch über die Leinwand flackern und Stefanos Geliebte sich vor seiner imaginären Kamera räkelt, erhält man einen ersten Eindruck, wie stilsicher der Film fotografiert wurde. Mit viel Gespür für Ästhetik wurden die Drehorte (vor allem Mailand, Venedig und der Comer See) von niemand Geringerem als Luciano Tonti, der später ebenfalls für „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ als Kameramann fungierte, auf Zelluloid gebannt. Des Weiteren begeistert der Film durch die intelligent aufgebaute Geschichte, der eine nicht zu verleugnende düster-romantische Poesie innewohnt. Sie handelt im Wesentlichen von der tragischen schicksalhaften Verstrickung zweier verlorener Seelen und den zwischen neugierigem Interesse und Hass-liebe pendelnden Emotionen Stefanos (Tomas Milian) und Matteos (Pierre Clémenti). Tiepolo eröffnet ein intrigantes und grausames Psychospiel, das an Intensität und Spannung kaum zu überbieten ist. Milian und Cleménti, beide großartige Charakterdarsteller, ergänzen einander und konkurrieren zur selben Zeit auf darstellerischer Ebene.

"Always searching, never finding, my shadow in the dark..." intoniert Tomas Milian selbst trübsinnig zu den Klängen der Prog Rock Band „New Trolls“. Es gibt keinen Song, der besser zu den Bildern des nebelverhangenen, mysteriösen Venedigs und dem Schicksal der beiden ungleichen Männer passen würde. Wer Venedig liebt und sich für gut inszenierte psychologische Geschichten begeistern kann, darf sich von "Der Todesengel" mitnehmen lassen auf den desaströsen Trip zwischen der geheimnisumwitterten Welt des Grafen Tiepolo (Venedig) und dem von der bitteren Realität gefärbten Mailand Stefanos.

Mauritia Mayer

Frankensteins Ungeheuer

OT: The Evil of Frankenstein, Großbritannien 1964, 84 Min, dF, 35mm, R.: Freddie Francis, D.: Peter Cushing, Peter Woodthorpe, Duncan Lamont

Dr. Frankenstein verlässt Karlstadt und findet sein Geschöpf in einer Eishöhle, aus der er es befreit, um neue Experimente mit ihm durchzuführen. Doch er rechnet nicht mit dem dubiosen Hypnotiseur Zandor.

Unter der Regie des Kameramannes Freddie Francis („Dune – Der Wüstenplanet“, 1984, „Kap der Angst“, 1991) entstand der dritte Frankensteinfilm der Hammer-Produktion. Die Bebilderung ist somit erwartungsgemäß äußerst gelungen, überraschend fällt dagegen der hohe Grad an Gewalt für einen Film von 1964 aus, sowie der düstere, teils nihilistische Unterton.

 

 

200 Jahre Frankenstein

2018 jährt sich das Erscheinen von Mary Shelleys Roman „Frankenstein“ zum 200. mal. 1910 erstmals verfilmt, ist bis heute die Darstellung Boris Karloffs aus dem Jahr 1931 ikonisch und Ziel zahlreicher Parodien. Doch neben dem klassischen Gruselcharme schwebte Shelley sehr Gehaltvolles vor: 1815 brach der Vulkan Tambora aus und veränderte das Weltklima, es gab Ernteausfälle und viele Europäer flüchteten nach Amerika. Ein Jahr später, im „Jahr ohne Sommer“ verbrachte Mary Shelley unter anderem mit ihrem Mann und Lord Byron den Juni am Genfer See. Wegen der frostigen Sommertemperaturen knapp über dem Gefrierpunkt beschlossen die Dichter, in der Villa Deodati, ihrem Feriensitz, Drogen zu nehmen und Gespenstergeschichten zu schreiben. Polidori, Byrons Arzt, schrieb „Der Vampyr“, teils Byron zugeschrieben, und begründete den bis heute wirkenden Mythos des Dandy-Vampirs mit erotischer Ausstrahlung (vgl. neuerdings Angel in „Buffy“, 1997, „Twilight“, 2008, „Dracula untold“, 2014). Byron schuf ein Gedicht „Finsternis“ über die letzten beiden Menschen in einer apokalyptischen Welt, die sich gegenseitig umbringen. Und Mary Shelley den Urvater des Mad-Scientists, der die Kontrolle über seiner Schöpfung verliert.

Inhaltlich geht das tiefer: In einer Zeit, in der gerade erst Napoleon besiegt wurde – der einen Weltkrieg führte, wenn man so Kriege, die in mehreren Kontinenten ausgetragen werden, bezeichnet – und demokratische Kräfte bereits seit einem halben Jahrhundert immer mehr die alte Adelsordnung bedrohten (Unabhängigkeit Amerikas 1776, Französische Revolution 1789) ist Frankenstein das Symbol revolutionärer Kräfte einer Sturm-und-Drang-Epoche. Kräfte, die ohne Vernunft und Maß das Alte zerstören wollen, um Neues zu erschaffen und schließlich daran scheitern, da sich das Neue im Gegensatz zum Alten als mindestens ebenso gefährlich, aber darüber hinaus als unkontrollierbar erweist.

Damit erreicht „Frankenstein“ eine politische Dimension, die durchaus beabsichtigt ist: Victor Frankenstein aus Genf studiert und erschafft sein Monster in Ingolstadt, und Mary Shelley siedelte ihr Werk deswegen in der kleinen Universitätsstadt an, da in Ingolstadt Adam Weishaupt den Illuminatenorden gründete, einen Geheimbund, der den Adel stürzen und demokratische Prinzipien an dessen Stelle installieren wollte. - Wobei auch die werkgetreueren Verfilmungen in ihrer Tendenz kaum als demokratiefeindlich einzuordnen sind, auch wenn sie sich aus einer solchen Quelle speisen – vielmehr aber fortschrittsfeindlich sind - und damit seit eh und je ein Politikum.

Frankensteins Tochter

OT: Frankenstein's Daughter, USA 1958, 85 Min, dF, 35mm, R.: Richard E. Cunha, D.: John Ashley, Sandra Knight, Donald Murphy

Frankensteins Enkel Oliver Frank lebt in den USA und kann es nicht lassen, Großvaters Erbe anzutreten: Aus dem Kopf des Mädchens Suzy (Sally Todd, Playmate of the Year 1957), das er im Streit tötete, und männlichen Körperteilen erschafft er ein neues Monster.

John Wilson, der Gründer des Goldenen-Himbeere-Award, betrachtet den Film als einen der 100 amüsantesten schlechten Filme aller Zeiten. Mit viel Tanz, Rock ́n ́ Roll und charmanten Studiokulissen hat der Streifen sicherlich alles, was ein Frankenstein-B-Film braucht.

 

 

200 Jahre Frankenstein

2018 jährt sich das Erscheinen von Mary Shelleys Roman „Frankenstein“ zum 200. mal. 1910 erstmals verfilmt, ist bis heute die Darstellung Boris Karloffs aus dem Jahr 1931 ikonisch und Ziel zahlreicher Parodien. Doch neben dem klassischen Gruselcharme schwebte Shelley sehr Gehaltvolles vor: 1815 brach der Vulkan Tambora aus und veränderte das Weltklima, es gab Ernteausfälle und viele Europäer flüchteten nach Amerika. Ein Jahr später, im „Jahr ohne Sommer“ verbrachte Mary Shelley unter anderem mit ihrem Mann und Lord Byron den Juni am Genfer See. Wegen der frostigen Sommertemperaturen knapp über dem Gefrierpunkt beschlossen die Dichter, in der Villa Deodati, ihrem Feriensitz, Drogen zu nehmen und Gespenstergeschichten zu schreiben. Polidori, Byrons Arzt, schrieb „Der Vampyr“, teils Byron zugeschrieben, und begründete den bis heute wirkenden Mythos des Dandy-Vampirs mit erotischer Ausstrahlung (vgl. neuerdings Angel in „Buffy“, 1997, „Twilight“, 2008, „Dracula untold“, 2014). Byron schuf ein Gedicht „Finsternis“ über die letzten beiden Menschen in einer apokalyptischen Welt, die sich gegenseitig umbringen. Und Mary Shelley den Urvater des Mad-Scientists, der die Kontrolle über seiner Schöpfung verliert.

Inhaltlich geht das tiefer: In einer Zeit, in der gerade erst Napoleon besiegt wurde – der einen Weltkrieg führte, wenn man so Kriege, die in mehreren Kontinenten ausgetragen werden, bezeichnet – und demokratische Kräfte bereits seit einem halben Jahrhundert immer mehr die alte Adelsordnung bedrohten (Unabhängigkeit Amerikas 1776, Französische Revolution 1789) ist Frankenstein das Symbol revolutionärer Kräfte einer Sturm-und-Drang-Epoche. Kräfte, die ohne Vernunft und Maß das Alte zerstören wollen, um Neues zu erschaffen und schließlich daran scheitern, da sich das Neue im Gegensatz zum Alten als mindestens ebenso gefährlich, aber darüber hinaus als unkontrollierbar erweist.

Damit erreicht „Frankenstein“ eine politische Dimension, die durchaus beabsichtigt ist: Victor Frankenstein aus Genf studiert und erschafft sein Monster in Ingolstadt, und Mary Shelley siedelte ihr Werk deswegen in der kleinen Universitätsstadt an, da in Ingolstadt Adam Weishaupt den Illuminatenorden gründete, einen Geheimbund, der den Adel stürzen und demokratische Prinzipien an dessen Stelle installieren wollte. - Wobei auch die werkgetreueren Verfilmungen in ihrer Tendenz kaum als demokratiefeindlich einzuordnen sind, auch wenn sie sich aus einer solchen Quelle speisen – vielmehr aber fortschrittsfeindlich sind - und damit seit eh und je ein Politikum.

Filme

November

EST 2017, 115 Min., OmU, digital, R.: Rainer Sarnet, D.: Rea Lest, Jörgen Liik, Arvo Kukumägi, Katariina Unt

„In Estland werden im Schnitt sechs Kinofilme pro Jahr produziert. Rainer Sarnet ist der führende Kopf dieser kleinen Filmwelt und wurde 2011 mit seiner punkigen Adaptation von Dostojewskis „Der Idiot“ bekannt. Sein Markenzeichen: Filme zwischen surrealer Ästhetik und estländischer Folklore.

Wölfe, schwarze Magie und Wälder, in denen es spukt: Sein neuester Spielfilm „November“ ist gleichermaßen von estländischen Legenden und vom armen und abergläubischen Leben der Bauern zu Beginn des 20. Jahrhunderts inspiriert. Die Fotografien der estländischen Bevölkerung von Johannes Pääsuke dienten Sarnet als Inspiration für seine Besetzung, die ausschließlich aus Laiendarstellern besteht.“ (arte)

„Mystik inspiriert mich sehr. Sie ermöglicht es, die Grenzen der Filmsprache zu erweitern, anders zu denken, etwas anderes zu machen, frei von Regeln.“ (Rainer Sarnet)

 

Filme

Gothic

Großbritannien 1986, 87 Min., dF, 35 mm, R.: Ken Russel, D.: Gabriel Byrne, Julian Sands, Natasha Richardson, Timothy Spall

Der junge Dichter Percy Shelley, seine Verlobte Mary Godwin und ihre Halbschwester Claire Clairmont kommen in der Villa des exzentrischen und berühmten Dichters Lord Byron zusammen. Der hält sich mit seinem Leibarzt John William Polidori im schweizerischen Exil am Genfer See auf, um sich sensationsgierige Touristen vom Leib zu halten. In einer regnerischen Nacht werden Drogen konsumiert, kleine Seancen abgehalten und sich Geistergeschichten erzählt. Während sich der Lord und Percy auf Anhieb gut verstehen, ist Mary noch skeptisch, denn die Villa scheint sonderbar und gruselig. Nach und nach kommen die persönlichen Ängste ans Licht, Ängste, die eine der Anwesenden, die schöne Mary zu einem Klassiker der Horror-Literatur beeinflussen werden: „Frankenstein“.
(filmstarts.de)

„Hat sie eigentlich jemand gezählt, die irritierten Zuschauer, die einen Horrorfilm erwarteten, als sie sich entschlossen, Ken Russels „Gothic“ eine Chance zu geben? Stattdessen bekamen sie die grellbunte und hysterische Geschichte einer Schreckensnacht, die zur Geburtsstunde des modernen Horrorgenres werden sollte.(…) Ken Russel sieht und erkennt sich – gar nicht bescheiden - selber im Spiegel von Lord Byron, um einen faszinierenden Blick auf die Wurzeln des Horrors zu werfen. „Gothic“ ist weniger ein Horrorfilm, als ein Film über die seelischen Abgründe und sexuellen Angstvisionen, die im Horror ihre literarische Sublimierung erfahren. Ausnahmsweise übt sich Ken Russel in künstlerischer Selbstdisziplin, um seinen exaltierten, sich um Geschmacks- und Kitschgrenzen wenig scherenden Regiestil ganz in den Dienst des anspruchsvollen Konzeptes zu stellen. Prompt kam eine seiner geschlossensten künstlerischen Leistungen heraus.“ (Fastmachine, www.ofdb.de)

 

 

200 Jahre Frankenstein

2018 jährt sich das Erscheinen von Mary Shelleys Roman „Frankenstein“ zum 200. mal. 1910 erstmals verfilmt, ist bis heute die Darstellung Boris Karloffs aus dem Jahr 1931 ikonisch und Ziel zahlreicher Parodien. Doch neben dem klassischen Gruselcharme schwebte Shelley sehr Gehaltvolles vor: 1815 brach der Vulkan Tambora aus und veränderte das Weltklima, es gab Ernteausfälle und viele Europäer flüchteten nach Amerika. Ein Jahr später, im „Jahr ohne Sommer“ verbrachte Mary Shelley unter anderem mit ihrem Mann und Lord Byron den Juni am Genfer See. Wegen der frostigen Sommertemperaturen knapp über dem Gefrierpunkt beschlossen die Dichter, in der Villa Deodati, ihrem Feriensitz, Drogen zu nehmen und Gespenstergeschichten zu schreiben. Polidori, Byrons Arzt, schrieb „Der Vampyr“, teils Byron zugeschrieben, und begründete den bis heute wirkenden Mythos des Dandy-Vampirs mit erotischer Ausstrahlung (vgl. neuerdings Angel in „Buffy“, 1997, „Twilight“, 2008, „Dracula untold“, 2014). Byron schuf ein Gedicht „Finsternis“ über die letzten beiden Menschen in einer apokalyptischen Welt, die sich gegenseitig umbringen. Und Mary Shelley den Urvater des Mad-Scientists, der die Kontrolle über seiner Schöpfung verliert.

Inhaltlich geht das tiefer: In einer Zeit, in der gerade erst Napoleon besiegt wurde – der einen Weltkrieg führte, wenn man so Kriege, die in mehreren Kontinenten ausgetragen werden, bezeichnet – und demokratische Kräfte bereits seit einem halben Jahrhundert immer mehr die alte Adelsordnung bedrohten (Unabhängigkeit Amerikas 1776, Französische Revolution 1789) ist Frankenstein das Symbol revolutionärer Kräfte einer Sturm-und-Drang-Epoche. Kräfte, die ohne Vernunft und Maß das Alte zerstören wollen, um Neues zu erschaffen und schließlich daran scheitern, da sich das Neue im Gegensatz zum Alten als mindestens ebenso gefährlich, aber darüber hinaus als unkontrollierbar erweist.

Damit erreicht „Frankenstein“ eine politische Dimension, die durchaus beabsichtigt ist: Victor Frankenstein aus Genf studiert und erschafft sein Monster in Ingolstadt, und Mary Shelley siedelte ihr Werk deswegen in der kleinen Universitätsstadt an, da in Ingolstadt Adam Weishaupt den Illuminatenorden gründete, einen Geheimbund, der den Adel stürzen und demokratische Prinzipien an dessen Stelle installieren wollte. - Wobei auch die werkgetreueren Verfilmungen in ihrer Tendenz kaum als demokratiefeindlich einzuordnen sind, auch wenn sie sich aus einer solchen Quelle speisen – vielmehr aber fortschrittsfeindlich sind - und damit seit eh und je ein Politikum.

Skin Creepers

Deutschland 2018, 87 Min.; dF, digital, R.: Ezra Tsegaye, D.: Nicolás Artajo, Nicolas Szent, Barbara Prakopenka, Dieter Landuris

Ein bisschen Glamour schadet nie! Das denken sich die erfolglosen Filmemacher Daniel und Ben. Kurzerhand fliegen die beiden Brüder deshalb für ihre Porno-Produktion das Sex-Starlet Sasha Blue aus den Staaten ein. Die Dame macht was her, kostet allerdings auch ′ne Stange Geld - und benimmt sich bisweilen doch recht merkwürdig am Set. Ein zu Rate gezogener Priester fällt ein eindeutiges Urteil: Die Lady ist vom Bösen besessen! Jetzt hilft nur noch ein waschechter Exorzismus, der dem alten Rein-Raus-Spiel eine völlig neue Bedeutung verleiht …

Horrorfilme aus Deutschland? Aber selbstverständlich! Vorbei an den Regularien der offiziellen Filmförderung beglücken uns heimische Kreativkräfte immer wieder mit gelungenen Genrebeiträgen – von „Nekromantik“ über „Anatomie“ bis hin zu „Die Präsenz“. Und nun eben „Skin Creepers“, der mit seiner Mischung aus Gore, Sex und Humor durchaus zu unterhalten weiß.